Brasilien – Verliebt in Samba, Caipirinha und singende Menschen

*Das ist der erste Teil meiner Erinnerungen an meine erste Backpackingreise quer durch Südamerika. Ich war 19, das erste Mal richtig weit weg und voller Hunger auf das Leben. Die besten Voraussetzungen für einen durchgeknallten Trip.*

Irgendwann im Sommer 2003: Alles hat mit einer Anzeige im Globetrotter-Reisemagazin seinen Lauf genommen. Arbeiten auf einer Farm in Brasilien, mithelfen bei der Kokosnussernte. Und was sonst noch so anfällt. Perfekt, da will ich hin.

Das muss ich jetzt nur noch meinem Freund beibringen, aber der ist schnell überzeugt und kommt auch gleich mit. Ab ins Reisebüro (ja, das hat man damals noch gemacht…), Flug buchen. Der Reiseberater fragt uns, warum wir uns nicht noch mehr in Südamerika anschauen wollen? Wir könnten ja quer durch reisen und dann 7 Monate später von Chile wieder nach Hause fliegen. Ja, warum eigentlich nicht? Hätte mir selber ja auch einfallen können. Ohne lange nachzudenken sagen wir zu.

Ein paar Stunden später zu Hause. Ich erkläre meinen Eltern beiläufig, dass ich schon bald für 7 Monate durch Südamerika reisen werde. Ok, meinen diese. Es war ja irgendwie absehbar.

***

Ende Januar 2004. Es ist endlich soweit. Ich habe meine Ausbildung abgeschlossen, ein halbes Jahr wie eine Verrückte gearbeitet und Geld gespart. Nun geht es endlich los. Nur noch einmal schlafen, bis wir im Flugzeug nach Brasilien sitzen. Ich bin süsse 19 Jahre alt, voller Hunger auf die Welt und das erste Mal so richtig weit weg. Alleine mit meinem Freund. Alle Voraussetzungen für eine grandiose und unvergessliche Reise sind gegeben.

Ab nach Brasilien. Hier im Bild in Itacaré.

Ab nach Brasilien. Hier im Bild in Itacaré.

Als wir in São Paulo wieder ausgespuckt werden und auf unseren Anschlussflug nach Salvador da Bahia warten, fragen wir uns verwundert, warum die Brasilianer singen. Bis wir merken, dass sie sprechen und nicht singen. Gleich hier hat meine Liebe zum brasilianischen Portugiesisch seinen Anfang genommen. Heute, 11 Jahre später, spreche ich zwar fliessend Spanisch, aber immer noch gebrochen Portugiesisch. Es hat noch nicht gereicht, um den grossen Schritt zu machen und vom zusammenhangslosen Gebrabbel zu einer anständigen Konversation zu wechseln. Ich lese zwar Portugiesisch, verstehe es, aber vom Sprechen bin ich weit entfernt.

Endlich in Salvador angekommen, werden wir von Carlos in Empfang genommen. Carlos ist ein Freund der Familie der Farm, auf welcher wir zwar jetzt nicht arbeiten, aber besuchen werden. Auf der Fahrt vom Flughafen zu seinem Zuhause quasselt er uns voll. Wir verstehen kein Wort, nicken auf alles ganz anständig und fragen uns, warum wir vor der Reise eigentlich einen Spanischkurs gemacht haben, anstatt eines Portugiesischkurses. In seinem Zuhause fallen wir ins Bett und schlafen unanständige 16 Stunden durch. Wir sind uns weder solche lange Reisen, noch die feuchtheissen Temperaturen gewohnt. Und wir schlafen im Ehebett. Carlos und seine Frau Nancy auf dem Sofa.

Der Hauptstrand von Salvador in Brasilien.

Der Hauptstrand von Salvador in Brasilien.

Die nächsten paar Tage werden wir quer durch Salvador geschleppt. Wir sind immer noch total von den Socken und können nur knapp aufnehmen, was uns alles vorgeführt wird. Schöne Menschen mit wiegendem Gang bewegen sich durch Strassen mit Kopfsteinpflaster und alten VW-Bussen. Wir sind überfordert, kreidebleich und stolpern mit Carlos und offenen Mündern durch eine der faszinierendsten Städte der Welt. Ich kriege das Feeling irgendwie mit, irgendwie diffus und etwas lässt mich ahnen, dass es hier noch viel mehr gibt. In 7 Jahren sollte ich zurückkehren und alles mit ganz anderen Augen ansehen….

Die wunderschöne Altstadt von Salvador da Bahia in Brasilien.

Die wunderschöne Altstadt von Salvador da Bahia in Brasilien.

Nancy futtert uns mit brasilianischen Köstlichkeiten. Die kommenden 7 Monate werden eine endlose Abfolge von ersten Malen sein. So auch das erste Mal Kochbananen zum Frühstück. Das erste Mal eine frische Kokosnuss am Strassenrand kaufen. Das erste Mal Früchte essen, dessen Namen keine deutsche Übersetzung haben. Ich drehe fast durch ab der Vielfalt der Früchte und beginne zu begreifen, dass ich hier zum ersten Mal den tatsächlichen Geschmack derer wahrnehme. Bis jetzt kannte ich nur halbreife Bananen, die in die Schweiz importiert wurden.

Nach ein paar Tagen gibts bereits der erste von vielen folgenden Abschieden und die Weiterreise nach Ituberá, unserem eigentlichen Ziel. Hier treffen wir Brisca und Roland mit ihren zwei kleinen Mädchen. Schweizer, die ausgewandert sind und hier eine Kokosnussfarm betreiben. Zuerst aber die Herausforderung Busticket.

Wie kauft man ein Busticket wenn man kein Portugiesisch kann, der Verkäufer aber keiner anderen Sprache mächtig ist? Keine Ahnung. Nach geschlagenen 20 Minuten (gefühlten 40 Minuten) und 3 Verkäufern, einigen Zeichnungen und halben Nervenzusammenbrüchen später, haben wir zwei Tickets nach Ituberá. Nehmen wir jedenfalls an.

Irgendwie schaffen wir es doch nach dahin. Eine Bus- und Flussfahrt später erblicken wir das Paradies. Ein langer Steg führt über den Fluss bis zur Fazenda Paraiso, wo wir eine Woche verbringen werden. Mit einem herzlichen Willkommen und ein paar Caipirinhas, fallen wir auch hier erschlagen ins Bett. In unserer kleinen Hütte. Mitten im brasilianischen Nirgendwo. Eine Woche verbringen wir bei der Familie auf dem brasilianischen Land, irgendwo am Fluss entlang Richtung Meer.

Willkommen im Paradies.

Willkommen im Paradies.

Wir lernen wie man selber Caipirinhas macht, holen Kokosnüsse von den Palmen, stellen Öl daraus her, essen Früchte, die wir am Boden finden. Nachts gehen mit den Jungs von nebenan fischen und tagsüber suchen wir im Schlamm nach den Ködern. Wir gehen baden, wandern durch die Mangrovenwälder und lernen die ersten zusammenhängenden Wörter Portugiesisch. Es ist ein Paradies. Es ist, wovon ich immer geträumt habe.

Auf der Fazenda in Brasilien. Im eigenen Häuschen.

Auf der Fazenda in Brasilien. Im eigenen Häuschen.

Baden im Fluss in der Nähe der Fazenda Paraiso.

Baden im Fluss in der Nähe der Fazenda Paraiso.

Wir verschiffen dann mal kurz ein Pferd.

Wir verschiffen dann mal kurz ein Pferd.

Nach einer Woche zieht es uns weiter. Auf Gut Glück nach Itacaré. Ich habe in einem Magazin einen Bericht darüber gelesen und das unberührte Naturparadies zieht mich an. Zu Zeiten ohne Internet und Smartphones wissen wir nicht, dass sich der Ort mittlerweile verändert hat und die Surfindustrie eingezogen ist.

Als wir mit einem lokalen, unendlich langsamen Bus ankommen, merken wir aber schnell, dass es nicht mehr das Paradies von einmal war. Surfshops, Humus, Kleiderläden am Laufmeter. Macht aber nichts, wir geniessen es trotzdem. Bereits im Bus werden wir von einer Lady gekrallt, die uns in ihre Wohnung schleppt und uns diese für ein paar Tage vermietet.

Wir sind das erste Mal auf dieser Reise am Meer. Also am Traumstrand-Meer. So, wenn es einem der Atem verschlägt, weil es so schön ist. Itacaré ist genau so. Weisser Strand, wunderschönes Meer und viele Palmen. Die ganze Küstenlinie ist von Grün gesäumt und einfach herrlich. Mein Freund verliert gleich zu Beginn seine Brille im Meer. Ohne sieht er die Welt wie ein Maulwurf. Also nach Hause anrufen, die Mama zum Optiker schicken und neue Brille kommen lassen.

Ich esse zum ersten Mal Krebse und merke, dass ich allergisch darauf bin. Oder war es doch der Cachaça, welcher mich die ganze Nacht über der Kloschüssel hängen liess?

Ituberá. Sieht so das Paradies aus?

Ituberá. Sieht so das Paradies aus?

Sarah ganz jung und süss...

Sarah ganz jung und süss…

Der Karneval nähert sich und die Vorbereitungen laufen auf Hochtouren. Wir haben beschlossen, diesen in einem kleinen Kaff am Meer zu verbringen und landen in Canavieiras. Ein unglaublich schöner Flecken Erde, wie das nachfolgende Nova Viçosa auch. Alles einsam und verlassen und abgesehen von Brasilianern, die auch im Urlaub sind, sind wir weit und breit die einzigen Touristen. Ganz Brasilien ist in Feierlaune. Wir können kaum einen Schritt auf die Strasse machen, ohne dass uns jemand ein Bier vorbeibringt, sich zu uns setzt oder zu sich nach Hause einlädt.

Autos mit Boxen, die die ganze Ladefläche einnehmen, kurven im Schneckentempo durch die Ortschaften. Es wird vorgeführt wer was hat und wer wen beeindrucken will.

Wir landen in der Mangu Beach Bar und erkoren diese zu unserem Stammlokal. Die Jungs nehmen uns in Beschlag und wir verbringen die nächsten Nächte dort. Vom Tag sehen wir höchstens den späten Nachmittag. Wir nehmen an der grössten Party der Welt teil, tanzen bis zum Umfallen, ziehen mit den Trio Electricos mit und können uns kaum einkriegen vor lauter Glück. Wir lernen unzählige Brasilianer kennen, freunden uns an, feiern zusammen und sind ein paar Tage wie eine einzige, grosse Familie, die durch viel Musik, Cachaça und nackte Haut zusammengehalten wird. Der Karneval, eine Erfahrung für sich und nicht vergleichbar mit allem anderen.

Karnevalszeit in Brasilien. Wer hat die grössten Boxen?

Karnevalszeit in Brasilien. Wer hat die grössten Boxen?

Das ganze Spiel geht natürlich auch mit Fahrrad....

Das ganze Spiel geht natürlich auch mit Fahrrad….

Die Mangu Beach Bar, unser Stammlokal für die Karnevalszeit.

Die Mangu Beach Bar, unser Stammlokal für die Karnevalszeit.

Irgendwo in einem kleinen Kaff an der Küste im Nordosten Brasiliens.

Irgendwo in einem kleinen Kaff an der Küste im Nordosten Brasiliens.

Karneval in Brasilien. Mit Charlie, einem der Chicos der Mangu Beach Bar.

Karneval in Brasilien. Mit Charlie, einem der Chicos der Mangu Beach Bar.

Über weitere kleine Orte und mittelgrosse Städte, landen wir schlussendlich in Rio de Janeiro. Nach wie vor ist Rio eine meiner Lieblingsstädte. Also so richtig, richtig verliebt habe ich mich in die Stadt. Obwohl sie uns den Start nicht sehr leicht gemacht hat. Rio war die erste Stadt, wo wir keine Unterkunft gefunden haben. Stundenlang sind wir durch die Strassen gelaufen und haben einfach nichts gefunden. Wenn es nicht viel zu teuer war, war es übermässig schäbig oder wir wurden nicht reingelassen, weil das Hostel nur für Israelis war. Schlussendlich sind wir irgend in einer Privatunterkunft direkt an der Copacabana gelandet. Jackpot! In Rio hatten wir eine super Zeit. Es gibt einige Superlativen zu entdecken und wir sind regelmässig nicht mehr aus dem Staunen herausgekommen.

Aber auch das Inland haben wir uns angeschaut, sind nach Ouro Preto gereist, nach Valadares und schlussendlich im weltbekannten Foz do Iguazu gelandet, wo wir uns die Wasserfälle angeschaut haben.

Die Copacabana in Rio de Janeiro.

Die Copacabana in Rio de Janeiro.

Der Zuckerhut in Rio de Janeiro in Nebel gehüllt.

Der Zuckerhut in Rio de Janeiro in Nebel gehüllt.

Unterwegs in Ouro Preto.

Unterwegs in Ouro Preto.

Aussicht auf Ouro Preto im Landesinnern Brasiliens.

Aussicht auf Ouro Preto im Landesinnern Brasiliens.

Die Wasserfälle von Iguazu.

Die Wasserfälle von Iguazu.

Ja, Brasilien war meine erste grosse Liebe. Das erste Mal weit weg von Zuhause, das erste Mal richtig frische, exotische Früchte geniessen, so viele erste Male! Schlussendlich konnte ich mich auch mit Portugiesisch durchschlagen und als wir die Grenze nach Paraguay überquert haben, habe ich schon angefangen, dieses wunderbare Land mit der singenden Sprache, den schönen Menschen und den leckeren Caipirinhas zu vermissen.

Wie es danach in Paraguay und Bolivien weiterging, erzähle ich dir beim nächsten nostalgischen Bericht über meine Backpackingreise durch Südamerika. Diese Abenteuer gibts zukünftig in loser Reihenfolge hier auf dem Blog. Alle Bilder sind gescannt, da ich damals noch keine Digitalkamera hatte.

Aber schön sind sie, diese Erinnerungen. Und genau das ist es, was eine solche Reise ausmacht: Erinnerungen, die mir niemand mehr nehmen kann, die unbezahlbar sind. Erinnerungen an längst vergangene Zeiten und Menschen, die damals mein Leben waren. Ein Teil meines Lebens, meiner Vergangenheit, meiner Erinnerung.

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7 Comments

  • Step says:

    wie immer ein wunderschöner artikel, vor allem sehr nett erzählt aus deiner damaligen, noch ganz reisemäßig unerfahrenen, perspektive! macht richtig lust auf brasilien – ich kenn da bisher nur rio und iguacu, was mir beides sehr gefallen hat, allerdings war rio auch der einzige ort auf der welt, wo ich bisher mal ausgeraubt wurde, was sich schon auch sehr eingeprägt hat, weil das wirklich kein schönes erlebnis war. wir waren damals aber auch ein wenig selbst schuld……..und vor allem die strände weiter im norden sollen ja wirklich traumhaft sein. irgendwann kommt brasilien sicher mal wieder dran, nachdem ich aber erst vor kurzem begonnen habe, spanisch zu lernen (und mir die sprache auch besser gefällt als portugiesisch), haben momentan die spanisch sprachigen teile lateinamerikas irgendwie präferenz……die können sich bei mir aber auch schnell ändern 🙂

    • Sarah says:

      Och nein, du wurdest in Rio ausgeraubt? Das sind wirklich nicht schöne Erinnerungen…. Der Artikel hat total Spass gemacht zu schreiben. Es ist schön zurückzudenken wie aufregend damals alles war und was ich alles zum ersten Mal erlebt habe. Brasilien ist jedenfalls ein wunderbares Land und immer eine Reise wert.

  • Andre says:

    Super Artikel. Für deine nächste Reise empfehele ich dir Santa Catarina, ich lebe seit fast 6 Jahren hier in der Nähe Florianopolis und will nie mehr zurück nach Deutschland. Hier ist es zwar auch mal 4 Monate kühler, aber die Strandsaisaon zwischen November und März ist der Hammer.

  • Reni says:

    Hallo Sarah,

    Jetzt hab ich mir grad deinen Bericht durchgelesen. Also besser gesagt aufgesaugt. Du erzählst von der lange vergangenen Reise als ob du erst gestern zurückgekehrt wärst. Man spührt so richtig deine Begeisterung. Echt super geschrieben.

    Freu mich schon sehr auf die nächste Story zurück in deine Vergangenheit.

    Liebe Grüsse von der Insel,
    Reni

    • Sarah says:

      Hui, das freut mich aber sehr, wenn dir der Artikel gefllt. Auch wenn die Reise schon so lange her ist, ist sie doch immer noch prsent. Den ersten grossen Trip vergisst man nicht so schnell! 🙂

  • […] ich kann sie nicht miteinander vergleichen und eines mein Lieblingsland nennen. Nach Brasilien zieht es mich immer wieder, die Strände, die Wellen, die Städte, der Karneval und die schönste […]

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