Die letzten zweieinhalb Wochen waren anders. Ganz anders. Ich habe nämlich etwas Neues ausprobiert: Wwoofing in Italien – auf einer Farm in der Toskana, mitten in der Olivenernte. Eine ganze Menge gelernt, noch mehr erlebt, und einiges erfahren, das ich so nicht erwartet hätte.
Aber von Anfang an.
Was ist Wwoofing?
WWOOF steht für Worldwide Opportunities on Organic Farms – ein weltweites Programm, das ökologische Farmen mit freiwilligen Helfer:innen verbindet. Das Prinzip ist simpel: Du arbeitest 4–6 Stunden pro Tag und erhältst dafür Unterkunft und Mahlzeiten. Kein Geld, aber auch keine Ausgaben für die wichtigsten Grundbedürfnisse.
Im Zentrum steht aber mehr als nur der Tausch: Es geht um den gegenseitigen Austausch, das Kennenlernen der ökologischen Landwirtschaft und eines Lebens, das sich fundamental von unserem Alltag unterscheidet.
Wwoofing gibt es seit 1971, gegründet in London, mittlerweile auf der ganzen Welt verbreitet. Länder mit vielen Gastgeber:innen haben eigene Plattformen gegründet, so auch Wwoof Italia. Die grosse Mutterplattform für alle Länder ist wwoof.net.
Wie ich auf einer Toskana-Farm gelandet bin
Auf eine ziemlich lustige Art, ehrlich gesagt. Eine Australierin in Sri Lanka hat mir davon erzählt. Olivenernte in Italien – ich hatte davon keine Ahnung. Was Neues lernen? Aber immer doch!
Ausserdem hatte ich Lust, wieder einmal draussen zu arbeiten und mir die Hände schmutzig zu machen. Hört sich ja immer so romantisch an. Ich habe jedenfalls daran zurückgedacht, als ich mit beiden Händen die Organe aus einem toten Hahn gezogen habe. Aber eins nach dem anderen.
Leben und Arbeiten auf einer Farm bei Cecina
Die Farm liegt ungefähr 15 Minuten landeinwärts von Cecina, nur 20 Minuten von Pisa. Schon im ersten Augenblick habe ich mich verliebt: Eine klitzekleine Farm auf einer Anhöhe mit Sicht über die Toskana, bis zum Meer und noch weiter bis nach Korsika. Romantisch-kitschiger Sonnenuntergang allabendlich inklusive.

Zum Wwoofing gehört nicht nur Arbeit, sondern auch das Kennenlernen von neuen Menschen, Lebensstilen und Gegenden.
Ich war nicht die einzige Wwooferin, es gab neun weitere freiwillige Helfende. Oje, habe ich erst gedacht, Gruppen sind nicht so mein Ding. Aber tatsächlich war es wunderbar: ein Gemisch von Europäer:innen, Amerikaner:innen und Australier:innen, vom 19-jährigen Valley Girl aus den USA bis zum Frührentner aus Belgien. Das garantierte interessante Gespräche und einen echten Austausch.
Wir teilten uns zu zweit kleine Apartments und genossen jeden Mittag und Abend die Kochkünste der Hausherrin. Käse, Wein und Olivenöl gab es in reichlichen Mengen. Willkommen in Italien!
Oliven, Olivenbäume und eine missratene Ernte
Die Hauptarbeit zu dieser Jahreszeit war natürlich die Olivenernte. 30 Hektaren gab es zu bestellen. Leider fiel die Ernte dieses Jahr sehr schlecht aus. Es gab zu viel Regen im Sommer und die Temperaturen waren zu kalt. Wir spannten trotzdem Netze zwischen den Olivenbäumen, sammelten die Früchte auf und pflückten den Rest von Hand.
Nach nur vier Tagen waren wir fertig. Knapp 100 Kilo – in einem normalen Jahr dauert die Ernte einen Monat. Ich fühlte mich schlecht für die Familie, denn der Verkauf von Olivenöl ist ihre Haupteinnahmequelle. Aber dieses Risiko gehört zur Landwirtschaft dazu.

Die Olivenernte fiel dieses Jahr durch zu vielen Regen leider gering aus. Nur gerade 100 Kg konnten geerntet werden.
Für mich war es trotzdem faszinierend: Wir fuhren zur Presse, bekamen einen Rundgang und sahen, wie die Oliven gepresst und zu Öl verarbeitet werden. Als ich das fertige Öl einige Tage später probieren konnte fühlte sich das doch recht cool an.
Danach ging es an die Olivenbäume selbst: Enrico, der Inhaber, erklärte uns worauf wir achten müssen. Wir kletterten auf die Bäume und sägten die unbrauchbaren Äste ab – die neuen Triebe, die keine Oliven tragen und dem Baum Licht und Platz wegnehmen.
Die Arbeit war eintönig, meine Hände schmerzten höllisch von der immer gleichen Bewegung mit der Heckenschere. Aber sie liess viel Raum für Gespräche.
Und ich habe dabei gelernt, meine linke Hand einzusetzen. Hat also alles seine Vorteile.
Wein, Marmelade und eine Schlachtung
Zwischendurch gab es auch andere Arbeiten – und da wurde es interessant. Wein herstellen. Vor den Apartments gab es eine ganze Menge Trauben, die wir gelesen haben. Der lustige Teil kam danach: Wir haben sie eigenfüssig zerstampft und Traubensaft hergestellt. Ein kleiner Klischee-Traum von meiner Bucket List, der unerwartet in Erfüllung gegangen ist.
Vier Hähne schlachten. Ich habe mich dafür sogar freiwillig gemeldet. Ich bin der Meinung, wer Fleisch isst, sollte einmal bei einer Schlachtung dabei sein. Was habe ich mir dabei nur wieder gedacht.
Ich war schon einige Jahre Vegetarierin und esse heute selten Fleisch. Werde ich jetzt wieder Vegetarierin? Nein. Aber es ist etwas anderes, wenn man selbst einem Tier das Leben nimmt, es in kochendes Wasser taucht, die Federn rausreisst und es aufschneidet. Mit den eigenen Händen.
Wir alle wissen wie ein Hahn lebt und wie er auf unserem Teller endet. Aber Wissen und Erleben sind zwei verschiedene Dinge. Ich bin trotzdem froh, diese Erfahrung gemacht zu haben.
(Update 2026: Ich bin doch wieder Vegetarierin geworden)
Dazu kamen noch: Kaktusfeigenmarmelade kochen, Tiere füttern – Esel, Hunde, Hühner, Ziegen – und nach zwei Arbeitstagen jeweils ein freier Tag, um die Umgebung zu erkunden. Den schiefen Turm von Pisa, kleine Dörfer, das Meer.
Wwoofing in Italien: Was du wissen musst
Wer Wwoofing in Italien machen möchte, meldet sich direkt bei Wwoof Italia an – der offiziellen Plattform für Italien. Hier ein Überblick:
| Details | |
|---|---|
| Website | wwoof.it |
| Mitgliedschaft | ca. 25 EUR/Jahr inkl. Unfallversicherung |
| Anzahl Farmen | über 700 in ganz Italien |
| Beste Regionen | Toskana, Sizilien, Umbrien, Apulien |
| Beste Reisezeit | Frühling (Pflanzung) & Herbst (Olivenernte, Weinlese) |
| Arbeitszeit | 4–6 Stunden/Tag, meist 5 Tage/Woche |
Für wen ist Wwoofing geeignet?
Für alle – unabhängig von Alter, Herkunft oder beruflichem Hintergrund. Landwirtschaftliche Kenntnisse sind nicht nötig. Was du brauchst: Neugier, Lernwille und die Bereitschaft, dir die Hände schmutzig zu machen.
Wie wählst du die richtige Farm?
Überlege vorher was du lernen willst, wie viele Menschen du um dich haben möchtest und wie intensiv du arbeiten willst. Stelle vor der Zusage viele Fragen: Wie viele Stunden pro Tag? Schläfst du allein? Bist du die einzige Wwooferin? Nur so vermeidest du Missverständnisse und falsche Erwartungen.
Was musst du bezahlen?
Nur die Wwoofing-Mitgliedschaft. Unterkunft und Essen werden komplett von der Farm gestellt.
Mein Fazit
Rückblickend waren diese zweieinhalb Wochen ein voller Erfolg. Nicht nur die Arbeitserfahrungen wie die Olivenernte, der Wein, die Schlachtung, die Baumschnitte, auch die Menschen. Die anderen Wwoofer:innen, aber vor allem Enrico und Luisiana, meine Gastgeber, die sensationell und liebenswürdig waren.
Wwoofing in Italien ist weit mehr als Reisen günstig machen. Es ist ein echter Einblick in ein anderes Leben. Und es tut einfach gut, wieder einmal mit den Händen zu arbeiten. Etwas Greifbares zu tun, das am Ende des Tages sichtbar ist.
So, jetzt bist du dran! Hast du auch schon Wwoofing Erfahrungen gemacht? Waren die auch so gut wie meine? Und wo warst du? Ich bin gespannt!
Arbeiten für Kost und Logis – so findest du die besten Angebote
















17 Comments
Sabine
7. Dezember 2014 at 13:19Hallo Sarah, interessante Erlebnisse, die Du in der Toskana machen durftest. Ich war eine Woche in Australien wwoofen auf der Farm eines Schweizers, der irgendwann mal ausgewandert war. Die Farm war mitten in der Pampa und es war eine tolle Erfahrung für eine Woche so zu leben und mitzuhelfen. Kann ich jedem Reisenden nur empfehlen.
Sarah
7. Dezember 2014 at 19:09Ich kanns auch nur weiterempfehlen. Bei solchen Prgrammen gibt es jeweils vieles zu sehen und erleben. In Australien ist hat Wwoofing nochmals einen ganz anderen Stellenwert und gehört fast zu einer Reise.
Mit Workaway auf Hawaii | Rapunzel will raus
18. März 2015 at 3:18[…] erster Arbeitsaufenthalt im Ausland. Nach meiner Zeit im Strassenkinderhilfswerk in Nepal und dem Wwoofing in Italien, habe ich mich diesmal für den Anbieter Workaway entschieden. Hier gibt es einfach alles im […]
Kilian
30. Mai 2015 at 21:14Coole Idee. Und die Oliven habt ihr ja sogar noch von Hand heruntergeschüttelt. Wow. Erst kürzlich habe ich wieder in einer Doku gesehen wie das im industriellen Bereich mit viel Chemie und Maschinen abläuft.. Da ist die Öko-Variante schon ein Stück cooler.
Die haben bestimmt hammergeil geschmeckt.
Wie werden diese Olivenbäume dann eigentlich vor Schädlingen geschützt?
Kilian
Coco
3. Juni 2015 at 16:25Hallo Sarah, das klingt echt super, was du schreibst! Auch ich möchte bald einmal in Italien Wwoofen..Kannst du mir sagen, wie der Hof heisst, wo du Wwoofen warst? Viele Grüsse 🙂
Sarah
3. Juni 2015 at 22:37Ich kann es dir nur empfehlen. Der Hof heisst «Le Serre». Du findest sie unter http://www.leserrebio.it. Viel Spass!
Vera
22. Juli 2015 at 14:47Deine Erfahrungen hören sich wunderbar an! Ich würde auch gerne wwoofen in Italien.
Zwei Fragen liegen mir auf der Zunge:
Wie kamst du sprachlich in Italien zurecht?
Und wie warst du in der Zeit krankenversichert?
Einen schönen Sommer und gut Reisen,
Vera
Sarah
22. Juli 2015 at 14:58In Italien kam ich gut zurecht, mit einem Mix aus Sprachen. Ich spreche Spanisch und Französisch, daher verstehe ich Italienisch eigentlich recht gut. Mein Italienisch war ein Mix aus allen Sprachen, inkl. etwas Englisch.
Ich war zu der Zeit aus der Schweiz abgemeldet und hatte daher eine Int. Krankenversicherung von der Hanse Merkur. Ansonsten sind in der Schweizer Krankenversicherung meistens Reisen bis zu 6 Wochen gedeckt. Wie das aber für Deutsche und Österreicher ist, kann ich leider nicht beantworten.
Vera
27. Juli 2015 at 21:13Liebe Sarah,
vielen Dank für die Antwort!
Dann werde ich mich auch mal um eine langzeit Auslandsreiseversicherung kümmern.
Einen schönen Reisesommer,
Vera
jens
2. Oktober 2015 at 21:49Hey Sarah,
Toller Bericht aus Italien. Das klingt ziemlich vielversprechend. Wir hatten eigentlich vor dieses jahr auch noch nach Italien zu fahren, jetzt müssen wir das wwoofen in Italien allerdings aufs nächste Jahr verschieben.
Sehr interessant finde ich deine Aussage bzgl. Der Schlachtung. Uns ging es genauso, wir wollten unbedingt die Schlachtung der Ziegen begleiten. Interessanterweise erzählte uns der Bauer dass bisher jeder wwoofer unbedingt die Schlachtungen begleiten wollte.
Wir werden uns zeitnahe bei wwoof Italien nach Höfen umschauen. Danke für deine Inspiration.
Liebe Grüsse
Jens
Kitschig, kitschiger, Florenz | Rapunzel will raus
17. Oktober 2016 at 7:55[…] während meiner Wwoofing Zeit habe ich Ausflüge nach Pisa, Lucca und kleine Dörfer unternommen. So konnte ich doch einen sehr […]
Josef Bergbauer
23. Februar 2018 at 2:02Hallo Sarah, wir betreiben eine Obst Finca auf Teneriffa und bekommen nächste Woche unseren ersten WWOOFer. Bin gerade etwas am googeln nach Erfahrungsberichten, was WWOOFer von den Gastgebern erwarten, um da nicht vollkommen falsch zu liegen. Tollen Bericht hast du da geschrieben, der mir sehr weiterhilft. Vielen Dank. Liebe Grüße von Teneriffa, Josef
Sarah Althaus
23. Februar 2018 at 8:45Super, dann wünsch ich euch eine tolle erste Erfahrung mit eurem Wwoofer! Viel Spass!
Pauline
6. Oktober 2019 at 11:53Hallo,
Ich und mein Freund würden auch gerne die Oliven ernste kennen lernen, finden aber irgendwie noch keinen passenden Hof. Dafür hört sich dein Hof sehr schön an,wäre es möglich dass du mir die genaueren Kontaktdaten sagen könntest?
Danke im Voraus
Sarah Althaus
8. Oktober 2019 at 12:08Der Hof heisst „Le Serre“. Du findest sie unter http://www.leserrebio.it. Viel Spass!
Chiara
24. Mai 2026 at 16:08Hi Sarah, bin mir nicht wie alt der Post ist (nach den Kommentaren aber ist es schon ein paar Jahre her) … könntest Du noch den Name der Farm teilen? oder mir per Email schicken? Danke Chiara
Sarah
24. Mai 2026 at 20:36Der Hof heisst „Le Serre“. Du findest sie unter http://www.leserrebio.it. Viel Spass!